Digital Barometer 2026: Wandel am Arbeitsplatz erwartet, Chancen bleiben unklar
Viele Schweizer:innen rechnen damit, dass Künstliche Intelligenz Berufe verändern wird. Deutlich weniger klar ist, ob daraus auch neue berufliche Chancen entstehen. Der DigitalBarometer 2026 der Stiftung Risiko-Dialog zeigt kein einfaches Bild von Angst oder Euphorie, sondern eine Bevölkerung, die aufmerksam, vorsichtig und in manchen Fragen skeptisch auf KI blickt. Für Unternehmen ist das ein Hinweis: Wer KI einführt, muss nicht nur Tools bereitstellen, sondern Vertrauen, Kompetenzen und konkrete Erfahrungen aufbauen.
Wandel ja, Zuversicht nur bedingt
Die Zahlen des DigitalBarometers zeigen eine klare Erwartung: 47 % der Befragten gehen davon aus, dass KI in den nächsten fünf Jahren zu deutlichen Veränderungen in der Arbeitswelt führen wird. Besonders ausgeprägt ist diese Einschätzung bei jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Von ihnen rechnen 62 % mit tiefgreifenden Veränderungen. Auch Beschäftigte im Dienstleistungssektor sehen den Wandel besonders deutlich: 63 % erwarten Umbrüche durch KI.
Anders fällt die Einschätzung aus, wenn es um neue berufliche Möglichkeiten geht. Nur 27 % glauben, dass KI solche Chancen eröffnen wird. 53 % verneinen dies, 20 % haben dazu keine klare Meinung. Genau hier liegt die eigentliche Spannung: Viele Menschen sehen, dass KI Arbeit verändern wird. Ob diese Veränderung ihnen persönlich oder beruflich nützt, bleibt für eine Mehrheit fraglich.
Das ist keine pauschale Ablehnung von KI. Bei der allgemeinen Frage, ob in den nächsten fünf Jahren die Chancen von KI die Risiken überwiegen werden, zeigt sich die Bevölkerung sogar vorsichtig optimistisch: 48 % antworten mit Ja, 35 % mit Nein, 18 % sind unentschieden. Die Skepsis richtet sich also weniger gegen KI als Technologie insgesamt, sondern vor allem gegen die Frage, was sie konkret für Arbeitsplätze, Rollen und Perspektiven bedeutet.
Sorge um Kreativität und eigenes Denken
Besonders deutlich ist die Zurückhaltung beim Thema Kreativität. 74 % der Befragten erwarten, dass KI das kreative Arbeiten schwächen wird. Der Bericht versteht Kreativität dabei nicht nur als künstlerisches Schaffen, sondern auch als originelles Denken, Intuition und eigenständige Ideenentwicklung.
Diese Sorge geht über klassische Jobängste hinaus. In den begleitenden Expert:innen-Workshops wurde diskutiert, dass KI-generierte Inhalte den eigenen Denkprozess verkürzen können: Wenn der erste Entwurf immer von der Maschine kommt, wird weniger gerungen, verworfen, neu gedacht. Auch die Gefahr einer Homogenisierung von Ergebnissen wird angesprochen, weil KI-Modelle aus bestehenden Daten Muster ableiten und dadurch eher Bekanntes fortschreiben als Ungewöhnliches hervorbringen.
Für Unternehmen und Bildungsinstitutionen folgt daraus eine praktische Frage: Wird KI so eingesetzt, dass sie Menschen beim Denken unterstützt, oder ersetzt sie zu früh jene Reibung, aus der gute Ideen entstehen? Die Antwort darauf dürfte stark beeinflussen, ob KI als Hilfe oder als Verlust erlebt wird.
Erfahrung macht optimistischer
Der Blick auf einzelne Branchen zeigt, dass konkrete Erfahrung mit KI die Einschätzung verändern kann. In der Industrie- und Produktionsbranche gehen 65 % der Befragten davon aus, dass in fünf Jahren die Chancen der KI überwiegen werden. Das ist der höchste Wert im Branchenvergleich.
Der Bericht deutet dies vorsichtig so, dass KI in diesem Sektor stärker eingesetzt wird und positive Erfahrungswerte zu einer optimistischeren Haltung beitragen könnten. Das ist keine harte Kausalität, aber ein plausibler Hinweis: Wo KI nicht nur abstrakt diskutiert, sondern im Alltag sinnvoll erlebt wird, fällt die Beurteilung weniger defensiv aus.
Für Führungskräfte heisst das: Akzeptanz entsteht selten durch grosse Ankündigungen. Sie entsteht eher dort, wo Mitarbeitende sehen, dass ein KI-Werkzeug eine konkrete Aufgabe erleichtert, Qualität verbessert oder Spielraum schafft, ohne die eigene Rolle zu entwerten.
Kompetenz bleibt ein Knackpunkt
Beim Thema KI-Kompetenzen zeigt der DigitalBarometer ein gemischtes Bild. 80 % der Bevölkerung schätzen sich als fähig ein, gesellschaftliche Chancen und Risiken von KI zu reflektieren. Auch die Werte für Wissen über KI und praktische Anwendungsfähigkeiten sind gemäss Selbsteinschätzung beachtlich.
Gleichzeitig gibt es eine auffällige Lücke: Nur 52 % geben an, sich laufend über neue Entwicklungen im Bereich KI informieren und weiterbilden zu wollen. Bei Menschen, die bereits heute das Gefühl haben, mit der Digitalisierung nicht Schritt halten zu können, sinkt dieser Anteil auf 25 %. Genau dort, wo Unterstützung besonders wichtig wäre, ist die Bereitschaft zur Weiterbildung am tiefsten.
Das lässt sich nicht einfach als Desinteresse abtun. Wer sich von Digitalisierung überfordert fühlt, erlebt neue Technologien oft nicht als Einladung, sondern als zusätzlichen Druck. Weiterbildung muss deshalb niedrigschwellig, konkret und anschlussfähig sein. Sie sollte nicht nur erklären, wie ein Tool funktioniert, sondern auch zeigen, wann KI hilfreich ist, wo Vorsicht nötig bleibt und welche Rolle der Mensch weiterhin spielt.
KI-Einführung braucht mehr als Technologie
Der DigitalBarometer 2026 zeigt eine Bevölkerung, die KI aufmerksam beobachtet, aber ihre Folgen für die Arbeitswelt noch nicht eindeutig positiv einschätzt. Viele erwarten Veränderung. Deutlich weniger Menschen glauben, dass daraus automatisch neue berufliche Möglichkeiten entstehen.
Für Unternehmen ist das ein realistischer Ausgangspunkt. KI-Projekte gelingen nicht allein durch Software, Lizenzen oder Prozessautomatisierung. Entscheidend ist, ob Mitarbeitende verstehen, was sich verändert, ob sie mitgestalten können und ob der Nutzen im Alltag erlebbar wird.
Dazu braucht es gezielte Weiterbildung, klare Leitlinien und Anwendungsfälle, die nicht über die Köpfe der Menschen hinweg eingeführt werden. KI kann Arbeit erleichtern und neue Möglichkeiten eröffnen. Ob sie so wahrgenommen wird, entscheidet sich aber im konkreten Umgang mit ihr: an den Arbeitsplätzen, in Teams und in der Art, wie Organisationen Veränderung begleiten.