Klare Regeln statt freie Hand – was Schweizer Bürger:innen von der KI-Politik erwarten
Eine Bürgerversammlung in der Westschweiz zeichnet ein überraschend klares Bild der Erwartungen an die künstliche Intelligenz. Die Bevölkerung ist der Technologie gegenüber weder feindselig noch naiv eingestellt – sie fordert vor allem eines: robuste staatliche Kontrolle und ein Ende der Dominanz von Big Tech.
Künstliche Intelligenz ist nicht länger eine abstrakte Zukunftsvision, sondern längst Teil unseres Alltags. Doch was denkt die Westschweizer Bevölkerung wirklich über diese transformative Kraft? Statt Spekulationen liefert nun ein umfassender Bericht des EPFL AI Centers und der Universität Genf handfeste Antworten. Im Rahmen einer Bürgerversammlung wurden die Meinungen von über 730 Personen aus der Westschweiz eingeholt und in persönlichen Gesprächen mit 40 ausgelosten Bürgerinnen und Bürgern zu konkreten Vorschlägen verdichtet. Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes Stimmungsbild und ein klarer Handlungsauftrag an Politik und Wirtschaft: Die Zeit des passiven Zusehens ist vorbei. Die Menschen fordern, dass die KI dem Menschen dient – und nicht umgekehrt.
Das grosse Misstrauen gegenüber den Tech-Riesen
Die Studie offenbart eine tiefe Kluft im Vertrauen der Bewohner der Westschweiz. Während Universitäten und Forschungsinstitute mit 57 Prozent das höchste Vertrauen für eine verantwortungsvolle KI-Entwicklung geniessen, gefolgt von den Schweizer Behörden mit 42 Prozent, ist die Skepsis gegenüber dem Privatsektor massiv. Lediglich 10 Prozent der Befragten trauen Technologieunternehmen wie Google oder Microsoft. Ein äusserst niedriges Vertrauensniveau erhalten Social-Media-Konzerne wie Meta oder TikTok: Weniger als 2 Prozent der Bevölkerung schenken ihnen Vertrauen. Diese Zahlen sind mehr als nur eine Momentaufnahme; sie sind Ausdruck einer fundamentalen Sorge. Die grössten Ängste gelten dem böswilligen Einsatz von KI für Hacking und Cyberangriffe, was 81 Prozent der Befragten beunruhigt, sowie der Flut von Deepfakes und Desinformation, die 77 Prozent der Teilnehmenden Sorgen bereitet.
Die Rolle des Staates – Regulierung und Förderung zugleich
Angesichts dieses Vertrauensvakuums überrascht es nicht, dass die Westschweizer Bürgerinnen und Bürger den Staat in der Pflicht sehen. Knapp 31 Prozent der Befragten nennen die Schweizer Regierung als Hauptverantwortliche für die Steuerung der KI. Diese Forderung wurde in der Bürgerversammlung konkretisiert: Die Teilnehmenden schlagen die Schaffung eines neuen Bundesamtes für KI und neue Technologien vor. Dessen Aufgabe soll es sein, eine nationale Strategie zu definieren, die KI-Entwicklung im Einklang mit Menschenrechten und Schweizer Werten wie Neutralität und Demokratie sicherstellt. Gleichzeitig soll der Staat die Forschung stärken und deren nachhaltige Finanzierung sichern, um die digitale Souveränität der Schweiz zu gewährleisten. Die Botschaft ist ambivalent, aber klar: Der Staat soll die Technologie zähmen und zugleich gezielt fördern.
Die Arbeitswelt im Umbruch – Angst und Pragmatismus
Die Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt gehören zu den am meisten diskutierten Themen, und auch hier zeigt der Bericht ein gespaltenes Bild. Eine Mehrheit von 59 Prozent der Befragten ist über den Verlust von Arbeitsplätzen besorgt, und die Hälfte glaubt, dass die KI in der Schweiz mehr Stellen vernichten als schaffen wird. Etwa jeder dritte Erwerbstätige rechnet damit, dass sich sein eigener Arbeitsplatz in den nächsten fünf Jahren grundlegend verändern wird. Doch statt in Resignation zu verfallen, formuliert die Bürgerversammlung pragmatische Lösungen. Sie fordert nicht nur angepasste Weiterbildungen und eine Neuausrichtung der Arbeitslosenversicherung, sondern auch einen mutigen Schritt: Unternehmen, die durch den Einsatz von KI dauerhaft Arbeitsplätze abbauen, sollen besteuert oder mit Abgaben belegt werden. Ein Vorschlag, der die Debatte über die soziale Verantwortung der Automatisierung neu entfachen dürfte.
Transparenz als oberste Bürgerpflicht
Trotz aller Bedenken sind die Westschweizerinnen und -schweizer keine Technikverweigerer. Eine überwältigende Mehrheit von 87 Prozent hat bereits KI-Tools genutzt, allen voran ChatGPT mit 70 Prozent. Doch die Nutzung geht Hand in Hand mit einer breit geteilte Forderung nach Transparenz. Ein fast einstimmiger Konsens von 90 Prozent verlangt, dass KI-Systeme klar kennzeichnen müssen, wenn man mit einer Maschine und nicht mit einem Menschen interagiert. Die Bürgerversammlung geht noch einen Schritt weiter und schlägt die Schaffung eines Labels nach dem Vorbild von „Swiss Made“ vor – ein Prädikat nach dem Motto „Swiss Valid“, welches menschliche Schöpfungen garantiert und unverletzlich kennzeichnet. Dahinter steht der Wunsch, nicht in eine „Alles-KI“-Falle zu tappen und menschliche Interaktionen bewusst zu fördern.
Wird der Weckruf gehört?
Der Bericht der Bürgerversammlung ist mehr als nur eine Studie; er ist ein demokratischer Weckruf. Die Westschweizer Bevölkerung ist bereit, die Chancen der KI zu nutzen, aber nicht um jeden Preis. Sie fordert eine klare Rahmensetzung, die den Schutz von Daten, die Bekämpfung von Desinformation und die Wahrung menschlicher Würde ins Zentrum stellt. Der Leitsatz der Teilnehmenden bringt es auf den Punkt: KI soll eine „gute Dienerin, aber eine schlechte Meisterin“ sein. Der Ball liegt nun im Feld der Politik und der Unternehmen. Sie müssen beweisen, dass sie diesen Wunsch nach Kontrolle und Verantwortung ernst nehmen und die Weichen so stellen, dass die digitale Revolution tatsächlich allen dient. Die Bürgerinnen und Bürger haben ihre Stimme erhoben – die Frage ist nun, ob sie auch gehört wird.